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	<title>k0nn3 &#8211; Konstantin Nowotny</title>
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	<description>Journalist</description>
	<lastBuildDate>Sun, 16 Jun 2024 17:14:17 +0000</lastBuildDate>
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		<title>Erwachsene Männer halten sich an ihren Geräten fest und fangen an zu weinen – die letzte Europatour von NOFX</title>
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		<dc:creator><![CDATA[k0nn3]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 16 Jun 2024 17:03:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>
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					<description><![CDATA[Aus der losen, aber fortsetzungsfähigen Reihe „Abgelehnte Texte über populäre Musik“: Es wäre übertrieben zu behaupten, ich hätte zum Sound von NOFX erstmals aufs Maul gekriegt, aber zumindest war es das letzte, was ich hörte, bevor ich mir die Kopfhörerstöpsel aus den 14-jähirgen Ohren zog und paar Minuten später auf dem Boden lag. Es gab [&#8230;]]]></description>
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<p>Aus der losen, aber fortsetzungsfähigen Reihe „Abgelehnte Texte über populäre Musik“:</p>



<p>Es wäre übertrieben zu behaupten, ich hätte zum Sound von NOFX erstmals aufs Maul gekriegt, aber zumindest war es das letzte, was ich hörte, bevor ich mir die Kopfhörerstöpsel aus den 14-jähirgen Ohren zog und paar Minuten später auf dem Boden lag. Es gab keinen Anlass für die Prügel, außer meine große Fresse, meine langen Haare, meine Unterlegenheit. Und es war genau diese Menschenmischung aus großer Fresse, langen Haaren und Unterlegenheit, für die NOFX Musik machten.</p>



<p>The Separation of Church and Skate war mein Lieblingssong und ich hörte ihn unentwegt, fasziniert von der Schnelligkeit, unfähig, irgendwelche englischen Worte außerhalb von „church“ und „skate“ überhaupt zu verstehen, aber das reichte auch, um den Gag einigermaßen zu begreifen.</p>



<p>Wie immer war ich mit allem viel zu spät. Das Album, das diesen Song enthielt, war ihr neuntes, The War On Errorism, aus dem Jahr 2003. Fans, die die Band schon seit den 80er-Jahren kannten, konnten damals schon über 30 sein. Aber ich liebte mit 13 eine meiner neuen Lieblingsbands, lernte mit ihr, erst viele englische Wörter, dann viele englische Schimpfwörter, schließlich die zahlreichen teils ernsten, teils albernen Diskurse in und um die Punk-Szene herum, die in etlichen ihrer Songs eine Rolle spielen: Drogenkonsum, Hedonismus, Veganismus, Kommunismus, Hardcore, Reggae, Ska, „true“ und „fake“, Sell-Out und immer mehr und mehr.</p>



<p>13 Stitches versuchte ich auf der Gitarre zu lernen. Wobei: Was heißt schon lernen? Ich drückte so lange irgendwelche Saiten zusammen, bis ansatzweise das herauskam, was ich da hörte. „The first time I saw the Descendents, they were the fastest band I’ve ever seen“, so fängt der Song an. Ich hatte von den Descendents, musikalische Überväter all jener eher melodischen Punkbands, die ich so mochte, nie irgendwas gehört. Es war mir auch egal. Wenn die Punks mit den graumelierten Haaren vor den Shows darüber fachsimpelten, wie geil diese und jene Band war – war! –, wie viel krasser die Shows und besser die Leute, bin ich ihnen aus dem Weg gegangen. Ich wollte nicht auf dem Archivmaterial von Erinnerungen irgendwelcher Dinosaurier meine Identität aufbauen, wie jeder normale Jugendliche.</p>



<p>Glücklicherweise fand ich auch für dieses Empfinden einen NOFX-Song: It’s My Job to Keep Punk Rock Elite (1997) wendete sich auf knapp 90 Sekunden sowohl gegen Major-Labels, die in den 00er-Jahren mit dem kurzen Punkrock-Trend massig Geld verdienen wollten (und dies mit anderen Bands auch taten), als auch gegen Szene-Gatekeeper, die immer wissen und dozieren, was man „eigentlich“ hören sollte, was „richtiger“ Punk ist und was nicht. Und natürlich waren es vor allem die graubärtigen Herren, für die NOFX nur ein Bad Religion-Abklatsch, ach was, am langen Ende ein Ramones- oder Sex Pistols-Abklatsch waren. Es wäre ohnehin nicht möglich gewesen, es diesen Leuten recht zu machen. Immer hatte man die falsche Platte und wenn man einmal die richtige hatte, brauchte man noch zehn andere. Ihre Unternehmung war es, Punk zu einem Distinktionswettkampf zu machen, den sie immer gewinnen, weil sie entweder sonst nichts gewannen oder weil es der einzige Modus war, in dem sie sich in der Welt zurechtfanden.</p>



<p>Nun spielten NOFX vergangenes Wochenende nach knapp 40 Jahren Bandgeschichte ihre beiden letzten Europa-Shows, mit den zwei finalen Tourtagen in Berlin. Ende des Jahres soll es dann noch einmal eine allerletzte Show in Los Angeles geben, dann ist Schluss. Als Sänger Fat Mike dieses Ende in einem kurzen Video ankündigte, sah man ihm vieles an: dass er zwar gern auf der Bühne, nicht unbedingt aber gern vor einer Kamera steht. Dass dem 57-jährigen das Ende der Band nicht leicht fällt. Dass es aber auf eine Art auch sein muss, sah man auch.</p>



<p>Als ich NOFX das erste Mal sah, bei einem Festival Anfang der 2010er-Jahre, war das noch nicht so. Ganz jung waren die vier da auch nicht mehr, aber immerhin war Fat Mike noch unternehmungslustig genug, um vor der Show „eine halbe Acid“ zu schmeißen und das auch stolz zu verkünden: „We’ll see how it goes“. Ja ja, dachte ich, aber siehe da: Die Pappe knallte ganz offenkundig, NOFX versemmelten die halbe Show, Mike kriegte kaum noch etwas auf die Reihe und empfahl gegen Ende, man möge doch bitte auf der Bühne gegenüber The Sounds sehen, die seien ohnehin viel besser. Großartig.</p>



<p>Seitdem hörte ich noch mehr NOFX, dann auch alles Alte und neue. „39, my hair should be parted not spiked and green, my nights should end at 10 not 6 a.m., but it is and they don’t“, so schallt es auf einer meiner Lieblings-EPs Never Trust a Hippy, die nicht zum Kanon gehört, und mir gerade deswegen so gut gefällt. Punk ist, was du draus machst – das las ich daraus, und entschied von Zeit zu Zeit, dass ein wenig sinnlose Ekstase nicht schaden kann, dass es manchmal eben nicht zwei, sondern zehn Bier sein müssen, und dass mir bis 39 alles scheißegal sein kann, und danach erst recht.</p>



<p>Nun ist keiner von uns so alt wie das älteste Album von NOFX, aber freilich mussten wir da hin, zur letzten Show der letzten Tour in Europa. Und freilich sollte es einer dieser Nicht-zwei-sondern-zehn-Tage werden, weil: everything in moderation, especially moderation.</p>



<p>Auf dem Tourplakat stehen die Descendents nun unter NOFX, die Helden von 1978 wurden von ihren Nacheiferern eingeholt. Milo Aukerman trägt auf der Bühne eine Trinkflasche um den Hals, gibt wirklich sein Bestes, mit seinen 61 Jahren Geschwindigkeit und Power zu repräsentieren, aber es nützt nichts: I’m the One, dieser wunderbar simple Song über das Dasein als freundlicher Loser, den die Mädchen so nett finden, dass er keinesfalls anziehend sein kann, er kommt rüber wie ein Requiem. Keine Legenden, eher lebende Denkmäler. Ich schaue einen Kumpel an und mache eine Handbewegung, als würde ich etwas in der Luft von der Checkliste abhaken, er versteht mich sofort und sagt „mehr aber auch echt nicht“.</p>



<p>Das „Konzept“ der Zitadelle Spandau geht voll auf: Man kann die Leute auf dieser kleinen Insel gefangen halten, wenn man ihnen weder Bändchen noch Stempel gibt, auf dass sie genötigt sind, den beknackt hohen Ticketpreis von 90 Euro auf jeden Fall noch einmal in Speisen und Getränken umzusetzen. Vorn kostet das Bier mehr als hinten, fünf Euro beträgt die Zwangsabgabe für jeden größeren Rucksack, man kommt sich vor wie in den Händen einer Drückerbande – und irgendwie ist man das ja auch. Trotzdem saufen die Leute wie verrückt, Punks in guten Arbeitnehmerverhältnissen. Im Anschluss spielen Pennywise, überraschend stark, aber für mich bleiben sie eine 1-Song-Band, und dieser eine Song ist auch nicht so gut. Puristen mögen mich schelten, bitte hört in Ruhe eure Hymne.</p>



<p>Ein paar Getränke vorgespult kommen dann NOFX auf die Bühne, beginnen mit 60%, den ich für einen beinahe idealen Punksong halte. Es fällt mir leicht, die Inflation der grauen Härchen um mich herum zu ignorieren. Fat Mike behauptet, diesmal Pilze gefressen zu haben, aber er spielt überraschend präzise, auch die sehr schnellen Basslines. Heute wollen sie ihr hochbeliebtes Punk in Drublic von 1994 spielen, und das von mir geschätzte Wolves in Wolves Clothing von 2006. Ich brülle die ganze Zeit irgendwas mit, manchmal haut’s hin, oft auch nicht. Alle um mich herum tun in etwa dasselbe. Zudem wird viel fotografiert und gefilmt, oft Band und Bühne, manchmal aber auch nur sich selbst. Permanent kleine Bildschirme. Wir sind da. Wir waren da. Ich beschließe, jetzt nicht griesgrämig, genervt oder traurig zu werden, schlängel mich durch Massen, verliere Freunde, finde sie wieder, singe ein paar Takte mit Fremden. Man muss es sich auch schön machen, hässlich ist schon genug.</p>



<p>Die Band braucht eine Pinkelpause, die auch eine Kokspause sein könnte, für mich wird sie zur Getränkepause. Ein Typ mit Sonnenbrille und diesem gottverdammten grauen Bart dreht sich zu mir und einer Freundin um, mustert uns und fragt, ob wir nicht „zu jung“ seien. Um des Friedens willen gehe ich auf diese strunzdumme Frage sogar ein und antworte, dass ich immerhin Mitte 30 sei, und damit eigentlich für überhaupt nichts mehr zu jung, außer vielleicht für Thrombosestrümpfe oder die Mitgliedschaft in der SED. Der Bärtige lässt nicht nach, will wissen, welches „mein“ Album sei, will testen, ob ich die grotesken 90 Euro aus lauter Dummheit ausgegeben habe. Ich nenne ihn mein Einstiegsalbum. Er belächelt mich, labert irgendeinen Dreck über „die Neunziger“, merkt nicht im Ansatz, dass er genau das Klischee vom gatekeependen Altpunker erfüllt, dass seine angebliche Lieblingsband in nicht nur einem Song so herrlich zerrissen hat. Sollte jemals der Tag kommen, an dem ich so dämlich werde, möge mich zur Strafe der vorzeitige Hörsturz ereilen.</p>



<p>NOFX lösen derweil ihr Versprechen ein: 40 Songs in einer Show. Zum Schluss Kill All the White Man, keine Zugabe, die ohnehin kaum jemand verlangt.</p>



<p>Einen Tag später komme ich durch einen Zufall zu der Gelegenheit, die Band noch einmal zu sehen, es ist das zweite von zwei Abschiedskonzerten, diesmal mit einem anderen Albumzyklus. Es ist deutlich leerer, das Publikum gefühlt nochmal älter. Fat Mike fängt irgendwann an zu weinen, hört dann kaum noch auf, braucht mehrere Pausen. Ich kaufe es ihm voll ab. Sie spielen The Separation of Church and Skate, was mich wirklich nochmal freut. Dutzende Leute stehen neben der Band auf der Bühne, Freunde und Familie, vielleicht, der ein oder andere pflichtschuldige Promoter. Es hat etwas von Geburtstag, auch von Beerdigung.</p>



<p>Dann The Decline in der 18-Minuten-Vollversion zum Schluss. Staub, und keine Zugabe. Ein paar ältere Männer fassen sich an den Schultern, ich kann nicht genau sagen, ob ihnen die Augen vom Dreck tränen, oder ob sie wirklich mitgenommen sind.</p>



<p>„Das ist ’n Punkrocker, man“, sagt einer, der nicht fassen kann, dass noch 20 Leute an einem Zaun neben der Bühne versuchen, ihr letztes Wort mit Fat Mike zu wechseln, vielleicht ein Foto oder eine Unterschrift zu bekommen. Ich weiß nicht, was mich mehr deprimiert: Diese Ruhe über der Zitadelle, das eilige Abziehen aller Fans, die Sekunden nach dem letzten Akkord schon daran denken, wie sie schnellstmöglich genug Schlaf für den Montag bekommen; das Wort „Punkrocker“ aus dem Mund eines heiseren Mittvierzigers, der das so dahin sagt, als ob es irgendeine Bedeutung hätte, oder Fat Mike selbst, der auch so aussieht, als könne er das alles nicht glauben, aber nicht auf die „Mein Leben ist ein Traum“-Art, sondern eher auf die „Wie konnte es so weit kommen?“-Art.</p>



<p>Man muss es ihnen lassen: Sie wissen, wann Schluss sein muss, wann es Schluss zu sein hat. Schluss ist, wenn die Karikaturen aus den eigenen Songs zu den Konzerten kommen; Schluss ist, wenn man keine Zugaben mehr spielen will, aber auch keiner „Zugabe!“ ruft; Schluss ist definitiv auch dann, wenn ein schlechtes Video für die Erinnerungsfähigkeit wichtiger ist als die Erinnerung selbst. Ich schaue meine staubigen Schuhe an und werde dann doch nochmal traurig, beschließe aber, die Emotion vorerst auf 39 zu verschieben. War schon alles richtig so. Ich war 13, 23 und 33 und werde niemals einem jüngeren Menschen etwas davon erzählen müssen, wie legendär diese Shows gewesen sein sollen. Nur für mich waren sie es.</p>



<p></p>
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		<title>Sich nicht dumm machen lassen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[k0nn3]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 26 Oct 2023 12:54:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>
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					<description><![CDATA[Redebeitrag zur Kundgebung „Gegen jeden Antisemitismus und Rassismus“ vom gleichnamigen Bündnis in Hamburg vom 26. Oktober 2023. Der 7. Oktober 2023 ist kaum drei Wochen her, und kann jetzt schon jetzt mit vollem Recht als Schicksalstag für Israel und den Nahost-Konflikt betrachtet werden. Wir hören und sehen täglich neue, grauenhafte Nachrichten. Vor kurzem erst wurden [&#8230;]]]></description>
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<p><em>Redebeitrag zur Kundgebung „Gegen jeden Antisemitismus und Rassismus“ vom gleichnamigen Bündnis in Hamburg vom 26. Oktober 2023.</em></p>



<p>Der 7. Oktober 2023 ist kaum drei Wochen her, und kann jetzt schon jetzt mit vollem Recht als Schicksalstag für Israel und den Nahost-Konflikt betrachtet werden. Wir hören und sehen täglich neue, grauenhafte Nachrichten. Vor kurzem erst wurden furchtbare Videos veröffentlicht, welche die barbarische Gewalt der Hamas gegenüber israelischen Zivilist*innen zeigen. Sie sind so grauenhaft, dass ich nicht mit gutem Gewissen dazu raten kann, sie sich anzuschauen. Und doch ist es notwendig, dass sie zumindest von einigen Menschen gesehen werden, um zu verstehen, dass das, was da passiert ist, nicht nur Israelis, sondern Jüdinnen und Juden auf der ganzen Welt völlig zurecht an den deutschen Nationalsozialismus, an die Shoah erinnert. Menschen wurden gefoltert, vergewaltigt, entführt, kaltblütig ermordet – Männer, Frauen, Alte, Kinder – mit Freude an der Tat, mit Lachen im Gesicht, mit unbändigem Hass. Mittlerweile sollen es mehr als 1.000 Zivilist*innen sein, die in Israel ermordet wurden. Für ein so kleines Land bedeutet das: So gut wie jeder kennt jemanden, der getötet oder entführt wurde. Ein journalistischer Kollege, der bei der israelischen Tageszeitung Haaretz arbeitet, und mit dem ich 2021 kurz zusammengearbeitet hat, konnte nur überleben, weil er sich mit seinen Kindern stundenlang in einem Bunker versteckt hat, während in seinem Kibbuz nahe Gaza die Terroristen jeden malträtierten, der ihnen in den Weg kam. Sehr viele andere hatten nicht so viel Glück.</p>



<p>Gleichzeitig sehen wir täglich Bilder aus dem Gazastreifen, diesem Ort, aus dem seit Jahrzehnten ohnehin schon sehr selten irgendwelche schönen Bilder kommen: zerbombte Häuser, ganze Straßenzüge, die zerstört wurden, Luftangriffe, Menschen, die massenhaft auf der Flucht sind. Es ist eine Flucht ohne nennenswertes Ziel, denn Gaza ist nach allen Seiten abgeriegelt: Der Grenzübergang Rafah nach Ägypten sei diese Woche zwar geöffnet, berichten die Medien, allerdings nur in eine Richtung, um Hilfslieferungen durchzulassen. Ägypten will die Palästinenser*innen nicht, und an der Grenze zu Israel stehen die Panzer und bereiten sich auf eine Bodenoffensive vor. Nach jüngsten Zahlen sind allein hier durch Luftschläge über 5.000 Menschen gestorben. Wenn die Regierung Netanyahu Ernst macht, werden es unvermeidlich mehr werden.</p>



<p>Als wäre all das nicht schrecklich genug, hat uns der 7. Oktober aber einmal mehr daran erinnert, dass der Nahost-Konflikt, egal in welcher Eskalationsstufe, auch eine massive Projektionsfläche ist. Es hat keine 24 Stunden gedauert, bis selbsternannte Linke in Deutschland, Österreich, Großbritannien oder auch den USA ein abscheuliches Massaker von Hamas-Terroristen an über 200 Festivalbesucher*innen – die sich obendrein erklärtermaßen für den Frieden einsetzten – zum Widerstand, ja, sogar zum revolutionären Akt gegen Imperialismus, gegen Kapitalismus oder gegen Rassismus verklärten. Künstler*innen, Literat*innen, Akademiker*innen saßen zu Hause in ihren warmen Wohnungen, weit weg von einem beispiellosen Blutbad, und verhöhnten die Opfer und die Überlebenden.</p>



<p>Ich könnte unzählige Beispiele dafür aufführen, bleibe aber bei einem: Eine britische Journalistin, deren Interview ich mal für eine linke Wochenzeitung redigiert habe, zog, angesprochen auf den Terror, einen Vergleich, der mich noch immer fassungslos macht: Sie meinte, wenn jemand einen Menschen jahrelang in einem Bunker in seiner Wohnung einsperren würde und dieser dann freikäme, wäre es nicht verständlich, dass dieser Rache nimmt? Mit anderen Worten: Israelis, Jüdinnen und Juden, Tourist*innen, sie haben alle aus purer Freude am Leid Anderer den Grenzzaun zu Gaza selbst gebaut und sind nun irgendwie selbst schuld an der unfassbaren Gewalt, die ihnen widerfahren ist.</p>



<p>Andere leugnen die Verbrechen, spielen sie herunter oder sagen so etwas wie: Es gibt gar keine Zivilist*innen in Israel, alle Menschen in dem Land seien irgendwie Verbrecher – ungeachtet dessen, dass unter den Todesopfern dieser Tage auch solche sind, die sich für Verständigung zwischen Israelis und Palästinenser*innen einsetzen oder Antizionist*innen sind. Die Botschaft, die sich hier herauslesen lässt, ist deutlich: Juden sind immer Schuld an dem, was ihnen widerfährt, sie sind unerwünscht, sie lügen, sie sind immer falsch, egal wie, egal wo, egal was sie tun, egal was sie sagen, und sie haben den Tod verdient. Das finden Menschen, die sich selbst immer noch für ganz tolle Antifaschisten, für Kämpfer für das Gerechte und Gute, und natürlich für alles aber keine Antisemiten halten.</p>



<p>Dass sie gehasst werden, nur weil sie jüdisch sind, das haben in den vergangenen Tagen auch Jüdinnen und Juden in aller Welt wieder einmal zu spüren bekommen. Plakate, auf denen nach Informationen über die Entführten gebeten wird, wurden abgerissen. Synagogen wurden angegriffen, angezündet. Die Leiterin einer Synagoge im US-Bundesstaat Detroit wurde unter ungeklärten Umständen tot aufgefunden. An verschiedenen US-Universitäten solidarisierten sich nur Stunden nach dem Angriff der Hamas Student*innen vorgeblich mit der palästinensischen Befreiungsbewegung, schwadronierten vom „antikolonialen Widerstand“, glorifizierten den Terror. Das alles kommt nicht selten aus einem studentischen, einem akademischen, gebildeten Milieu, das dann immer noch glaubt, ganz und gar nicht antisemitisch, sondern völlig moralisch korrekt zu handeln. Selbstverständlich ist so ein Handeln, das Jüdinnen und Juden für etwas verantwortlich macht, mit dem sie nichts zu haben, antisemitisch – und es ist eine Tragödie, dass man das überhaupt sagen muss.</p>



<p>Aber auch Rechte, Liberale, Konservative und Sozialdemokraten finden Gefallen daran, die Gewalt im Nahen Osten für ihre Zwecke zu nutzen. Nicht nur die sogenannte AfD, auch CDU und SPD empfinden den Krieg offenbar als willkommenen Anlass, sich gegenseitig in ihren ohnehin laufend lodernden Abschiebefantasien und rassistischen Kampagnen zu überbieten. Nachdem der Bundeskanzler vergangenes Wochenende im Spiegel-Interview verkündet hatte, er wolle nun „im großen Stil“ abschieben, rief diese Woche von der Rückbank der christdemokratischen Opposition Jens Spahn hinterher, das würde ihm nicht reichen, es müsse „physische Gewalt“ ausgeübt werden. Und selbstverständlich freut sich auch ein Friedrich Merz jederzeit darüber, Migrant*innen und Geflüchteten in Deutschland ein kollektives Antisemitismusproblem zu unterstellen, indem er sie medienwirksam aber natürlich völlig surreal dazu verpflichten will, sich zu Israel zu bekennen. Gleichzeitig werden Demonstrationen, die Solidarität mit den Palästinenser*innen ausdrücken wollen, prophylaktisch verboten oder niedergeknüppelt. Ja, es gibt Antisemitismus auf solchen Demonstrationen, da gibt es auch nichts zu beschönigen. Und dennoch ist es ein verheerendes Zeichen in einer Demokratie, wenn schon der Versuch einer Solidarisierung mit Gewalt abgeschreckt werden soll.</p>



<p>Es liegt auf der Hand, was diese Äußerungen und Maßnahmen zu genau dieser Zeit bezwecken sollen: Sie sollen Stimmung machen gegen jeden, der Jens Spahn oder Friedrich Merz fremd vorkommt, völlig ungeachtet dessen, ob er oder sie tatsächlich auf einer Demonstration gegen Israel gehetzt oder zum Terror aufgerufen hat oder nicht. Es kommt diesen Leuten gerade Recht, so ein Krieg, ein Massenmord am anderen Ende der Welt, um ihre eigene rassistische Agenda endlich reinen Gewissens vortragen zu können. Die Grünen und die FDP, im Übrigen, will ich hier gar nicht schonen. Sie tragen das mindestens mit. Und jede andere linke Stimme im Bundestag ist zerstritten oder verstummt.</p>



<p>Inmitten dieser ausgesprochen düsteren Stimmung sind Kundgebungen wie die heutige ein selten gewordener Lichtblick. Sie zeigen, dass es noch politisch aktive Menschen gibt, die sich nicht verblöden lassen, die Israelis und Palästinenser*innen noch als Menschen sehen und nicht als tote oder lebendige Diskursmunition für ihr politisches Programm. Ihr zeigt heute, dass ihr Ambivalenzen begreifen und aushalten könnt, dass es keinen Grund gibt, sich völlig einseitig hinter jede Militäraktion einer rechten Regierung zu stellen, genauso wenig wie es Grund dafür gibt, Terror, Folter und Massenmord als irgendwie gearteten Widerstand umzudichten. Es tut gut, das zu sehen. Und denkt daran: Es wird auch gesehen. Egal, wie viel ihr heute seid: Viele Menschen trauen sich aus den genannten Gründen gar nicht mehr, auf die Straße zu gehen. Sie denken, man müsse sich nun für eine Seite des Wahnsinns entscheiden: Solidarisch mit den einen, Tod den anderen. Oder sie haben sich erfolgreich einreden lassen, dass alles viel zu kompliziert sei, dass man für gar nichts richtig sein kann.</p>



<p>Natürlich ist es kompliziert, aber Veranstaltungen wie heute zeigen doch ganz eindeutig, dass es einen Weg gibt, sich „weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht dumm machen zu lassen“, wie es Theodor Adorno geschrieben hat.</p>



<p>In diesem Sinne: Lasst euch nicht dumm machen.</p>
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		<title>Mehr Früher</title>
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		<pubDate>Fri, 16 Jun 2023 15:32:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>
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					<description><![CDATA[Heute wäre mein Großvater, Joachim Nowotny, 90 Jahre alt geworden. Ich muss in letzter Zeit häufiger an ihn denken. Opa war gelernter Zimmermann aus der Oberlausitz, ging später an die Arbeiter-und-Bauern-Fakultät. Das ermöglichte es ihm, in Leipzig Germanistik zu studieren. Er wurde in der DDR vom Arbeiterkind zum Schriftsteller. Als Kind war für mich ein [&#8230;]]]></description>
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<p>Heute wäre mein Großvater, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Joachim_Nowotny">Joachim Nowotny</a>, 90 Jahre alt geworden. Ich muss in letzter Zeit häufiger an ihn denken.</p>



<p>Opa war gelernter Zimmermann aus der Oberlausitz, ging später an die Arbeiter-und-Bauern-Fakultät. Das ermöglichte es ihm, in Leipzig Germanistik zu studieren. Er wurde in der DDR vom Arbeiterkind zum Schriftsteller. Als Kind war für mich ein Besuch bei ihm immer eine Besonderheit. Nicht nur, weil er nach einem Unfall querschnittsgelähmt war und im Rollstuhl saß, <a></a>seit ich denken kann. Was mich schwer beeindruckte, war seine Fähigkeit, Geschichten zu erzählen, dieser unfassbare Reichtum an sehr präzisen Erinnerungen, die er zu haben schien.</p>



<p>Sprach man ihn zur richtigen Uhrzeit auf irgendetwas Alltägliches an – das Wetter, die Nachbarn, irgendein Erlebnis in der Schule – führte in seinem Kopf innerhalb von Minuten eins zum Anderen, und wenig später fand man sich wieder in einer halbstündigen szenischen Erzählung einer seiner vielen Frühergeschichten. „Wie komm’ ich da jetzt drauf?“, das fragte er mich ständig, und oft wusste ich es selber nicht mehr, gebannt von dem Kosmos, den er zu beschreiben wusste.</p>



<p>Wie konnte er sich all das merken? All die Personen, die Orte, wie jemand sprach, wie etwas aussah, wie etwas duftete, wie der genaue Wortlaut dieser oder jener Redewendung war, die einer immer nutzte? Es kam mir vor wie ein Zaubertrick. Manchmal wusste ich schon als Kind am Freitag nicht mehr, was ich am Montag gemacht habe – und dieser Mann konnte messerscharf und detailreich erzählen von Dingen, die fünfmal so lang her waren, wie ich alt war!</p>



<p>Manchmal konnte sein Erzählen langatmig werden, zerfasern. Jetzt erst begreife ich, dass er nicht allein erzählte, um mich zu unterhalten – sondern versuchte, sich genau zu erinnern. War das auch der Grund, warum er so oft telefonierte, laufend Besuch hatte von unzähligen Freunden, die er teils 50 Jahre und länger kannte? Weil er wusste, dass man nur durch dieses ständige Hin- und Hererzählen Erinnerungen überhaupt am Leben halten kann?</p>



<p>In letzter Zeit passiert es mir immer öfter – es mag an der Pandemie liegen, oder am fortschreitenden Alter – dass mich Freunde an ein Erlebnis mit ihnen erinnern, das ich schon fast vergessen hatte. Manchmal ist das gerade mal zehn, manchmal fünfzehn Jahre her. Oft passiert das auch andersherum. Würden wir nicht drüber reden, würde die Erinnerung ganz verschwinden. Sie würde nicht mehr angestoßen, nicht revitalisiert.</p>



<p>Dann fängt es an: Wer war auf dieser Party nochmal? War das wirklich dort, oder woanders? Welches Jahr? Einige Geschichten, da bin ich mir sicher, sind schon jetzt weg, für immer, weil wir lange nicht drüber gesprochen haben. Noch vor wenigen Jahren kamen mir Leute, die permanent über „Früher“ reden, inklusive mir selbst, schrecklich alt vor. Jetzt sehe ich das ein wenig anders, vermutlich weil ich alt werde.</p>



<p>„Schreib&#8217;s auf“, riet mir Opa ständig. Was ich aufgeschrieben habe, Tagebucheinträge, Briefe, Geschichten, kam mir aber oft so unfassbar banal vor. Warum soll ich so was alles aufschreiben? Es ist doch nicht das gleiche wie Opas Nachkriegsgeschichten, wo jedes Detail eine geradezu historische Bedeutung hat. Was für ein kindlicher Quatschgedanke.</p>



<p>2013 hatte ich noch die Gelegenheit, Opa meinen ersten gedruckten Zeitungsartikel zu zeigen. Thema und Medium sagten ihm nichts, aber er erkannte die Bedeutung für mich sofort, studierte jedes Wort, versuchte, eine kluge Einschätzung zu geben. Ein Jahr später starb er.</p>
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